Was es für mich bedeutet, behindert zu sein

Geschrieben von crav4del8 S. am 11. Juli 2002 16:01:10:

Nachdem man ja zuweilen und vor allem leider immer wieder lesen kann, dass Menschen ohne Malatschik ja sowieso keine Ahnung haben, nicht nachvollziehen können, was es heißt, Malatschik zu haben, und auch sonst insgesamt eher abschätzig behandelt werden, will ich mal den Versuch unternehmen und mich vor allem selbst betrachten, was ich denn so für eine Haltung mir selbst, „Behinderten“ und „Nicht-Behinderten“ gegenüber so habe.

Also angefangen hat das ja alles viel früher, als ich da wart ein Kind:

ich erinnere mich deutlich, dass mir damals oftmals jegliches Gebrechen, Alter oder Behinderungen deutlich suspekt vorgekommen sind. Zu sehen, dass mit anderen offensichtlich etwas nicht stimmt, hat mich eher peinlich berührt, vielleicht überfordert, und vor allem, diese Menschen waren mir irgendwie suspekt.

„Du Spast“ war ein durchaus beliebtes Schimpfwort, „Du bist ja behindert“ ebenso nicht gerade freundlich gemeint… .

Dass ich meinen Zivildienst in einer Behindertenwerkstatt erbracht habe, und inzwischen (schon lange vor Diagnosestellung) ein Projekt bzw. Verein im Bereich der Behindertenhilfe für Kinder und Jugendliche gegründet habe, hat mich mit der Problematik ein wenig vertrauter gemacht, aber wirklich nahe, habe ich mich weiterhin Behinderten gegenüber nicht wirklich gefühlt. Irgendwie waren die eben „anders“.

Und ehrlich, soviel Engagement hab ich mir dann doch nicht gewünscht, dass ich nun auch selbst einen Schwerbehindertenausweis in der Tasche habe, und nun irgendwie, ich kann es nicht leugnen, „zum Club“ dazugehöre.

Schnell sieht man die Dinge ein wenig anders, ist man selbst betroffen, keine Frage, nur inzwischen sehe ich eher die Gefahr, dass ich mich vorwiegend über meine Schwierigkeiten und Behinderungen definiere.

Ich habe Spastiken. Upppps!? Moment mal, bin ich nun ein Spast? Diese Frage tut weh!

Was heißt dies nun für das Bild in mir von mir selbst? Ich kann nicht glauben, dass der (kindliche) Anteil von mir, dem das alles doch mal so suspekt war, nun gänzlich verschwunden sein soll. Ich bin behindert, was heißt das nun?

Man stelle sich mal einen Jesus bei der Bergpredigt vor, der stottert und oder hinkt.

Was ist aus dem Ideal der Unversehrtheit geworden, wie sehr kann ich mich damit noch selbst ernst nehmen? Zumindest ich für mich, finde es alles andere als einfach, mich als Behinderten noch genauso erst zu nehmen und gern zu haben, wie dies davor möglich war.

Ist man vom Leben derart „enttäuscht“ worden, dann ist man sicher auch frustriert, gekränkt, voller Neid und Aggressionen, und ich glaube, man glaubt lieber den gesund und strahlend lebensfroh aussehenden Mitmenschen, als jenen, dennen man ihr Probleme schon ansehen kann. (Man stelle sich die neue Zebra-WischundWeg-Werbung vor, als da sei ein Behinderter, der traurig schaut, und behauptet, dass Zebra die Tränen saug- und reißfest wischundweg-wischt…)

(also übrigens genau das Gegenteil der Haltung, die Nicht-Behinderten hätten keine Ahnung…)

Ich glaube, dass auch wir alle solche Anteile in uns haben könnten, die die eigene Behinderung sehr abschätzig und diffamierend betrachten und behandeln.(Das „Unbewußte“ so hört man gelegentlich kennt keine Zeit, und das Kind von damals mag zumindest dort sein Recht fordern…)

Vielleicht ist es wichtig, diese Anteile zu finden, anzuerkennen, vielleicht zu beruhigen, zu trösten, und vielleicht wird es damit auch leichter, freundlicher nicht nur mit sich selbst sondern auch mit anderen umzugehen.

Ich halte es mit diesen Gedanken für sehr bedeutsam, sich vor allem die Anteile von sich selbst anzuschauen, die Behinderte und auch die eigene Behinderung gänzlich suspekt finden, und ich glaube, dass es zumindest in mir da eine Menge innerer Konflikte in der Betrachtungsweise gibt, die nicht so ganz konsequenzenlos bleiben… .

Über die Mitteilung Eurer Ideen und Anmerkungen würde ich mich sehr freuen.

liebe Grüße

crav4del8

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